Digitale Hysterie

Anja, 21.06.2016

Wenn es um das Thema Medienkonsum geht, scheiden sich bekanntlich die Geister. Es gibt Eltern, die in der Computer-, Konsolen- und Smartphone-Nutzung ihrer Kinder eine starke Suchtgefahr und nicht zuletzt den Verlust ihrer Intelligenz fürchten. Manche Experten raten, dem digitalen Thema mit Offenheit zu begegnen. Andere wiederum sind jedoch fest davon überzeugt, dass die Mediennutzung die Kindergehirne verkümmern ließe.  Diplom-Psychologe Georg Milzner hat sich in seinem Buch "Digitale Hysterie - Warum Computer unsere Kinder weder dumm noch krank machen" diesem spannenden Thema gewidmet.

Der Medienkonsum im Alltag

In unzähligen Haushalten spielt sich Tag für Tag das gleiche Geschehen ab. Das Kind kommt aus dem Kindergarten oder der Schule und wirft sich ohne zu Zögern vor ein digitales Gerät. Das können Fernseher, Computer, Smartphones, Konsolen oder Tablets gleichermaßen sein. Erlaubt ist, was gefällt – und digitale Anreize schafft.

Eltern stehen in vielen Fällen ratlos daneben und denken an die gute, alte Zeit, in der sie sich nach der Schule möglichst schnell aus den eigenen vier Wänden verzogen und mit ihren Freunden aufgemacht haben, die freie Natur zu erkunden.

Geprägt ist das Verhalten der meisten Eltern von der Verunsicherung, dass sich die eigenen Kinder mit Dingen beschäftigen, die sie selbst zu wenig oder gar nicht erlebt und erlernt haben. Unbekanntes wird gerne als gefährlich eingeordnet – so auch die digitale Welt, die durchaus Gefahren bereithält, doch nicht grundsätzlich als gefährlich einzustufen ist.

Die Angst vor Medien wird geschürt

Es gibt zahlreiche Experten, so auch Manfred Spitzer (Autor „Digitale Demenz“), der verschiedene Forschungsgebiete in einen Topf wirft, Probleme konstatiert und Medienkonsum übergreifend als gefährlich einstuft. Andere Experten und auch Studien beschäftigen sich allerdings weitaus objektiver mit dem Thema und differenzieren – die Ergebnisse gehen aus diesen Gründen weit auseinander.

Ein Computer allein verursacht keine Verdummung. Ein Jugendlicher, der sich gerne und viel mit dem Smartphone beschäftigt, verkümmert auch nicht. Ganz im Gegenteil: Jeder erinnert sich daran, wie häufig damals Freunde nach der Schule angerufen wurden, um den eigenen Kontakttrieb auszuleben, der in diesem Alter ganz normal ist. So ergeht es den heutigen Jugendlichen ebenfalls, nur wird der Kontakttrieb nicht durch Telefonate ausgelebt, sondern durch Facebook, WhatsApp und weitere Kanäle.

Die Dosis ist entscheidend

Die Welt unserer heutigen Kinder ist eine andere, als wir sie erlebt haben. Wichtig an dieser Veränderung ist das Maß der Dinge. Nicht die digitale Handlungsweise ist schädlich, sondern das Übermaß dieser Tätigkeiten.

Können Kinder und Jugendliche die eigene Dosis nicht einschätzen, so ist das Eingreifen der Eltern gefragt. Dennoch ist nicht die halbe Stunde Computer spielen ein Problem, wenn die Hausaufgaben auf der Strecke bleiben – stattdessen sollte an der generellen Beziehung und Kommunikation untereinander gefeilt werden.

Während eine halbe Stunde Bildschirmzeit für Eltern teilweise viel zu viel ist, so ist dies für Kinder und Jugendliche meits viel zu wenig, weil sie in dieser Zeit oft nicht das spielen können, was ihnen vorschwebt. Eine ständige Diskussion ist die Folge.

Für Kinder ist die Diskussion klar: Eltern verstehen nicht, warum ein paar Stunden Wii mit den Freunden kein Problem ist. Ob draußen auf dem Fußballplatz oder im heimischen Wohnzimmer – das Spiel wird gemeinsam erlebt und findet sowohl interaktiv als auch kommunikativ statt. Vereinsamung, Verdummung oder andere negative Aspekte sind hierbei nicht zu befürchten.

Anders sähe es aus, wenn sich ein Jugendlicher nach der Schule für die nächsten sieben Stunden vor den Computer flüchtet und in ein Spiel eintaucht, das in keiner Weise soziale Kontakte ermöglicht oder gar fördert. Sicherlich sind auch sieben Stunden zu viel, wenn sie in einem Online-Rollenspiel verbracht werden, doch auch hier gilt: Verbieten ist zwecklos. Eltern sollten stattdessen daran arbeiten, das eigentliche Problem – die Beziehung – zu fördern und zu verbessern.

Eltern sollten echtes Interesse zeigen

Ihr 15-Jähriger sitzt stundenlang vor dem Computer oder hängt am Smartphone und Eltern können mit diesen digitalen Dingen absolut nichts anfangen? Stattdessen sollte die digitale Welt unserer heutigen Kinder nicht verteufelt werden – Eltern sollten sie kennenlernen.

Ein Teil dieser Welt zu werden, bedeutet auch, ein Teil der Kinder zu sein. Eltern sollten sich keinesfalls von der digitalen Hysterie anstiften lassen, sondern lernen, die digitale Welt zu betreten, ehe sie beurteilt wird.

Der Diplom-Psychologe Georg Milzner erwähnte in seinem Buch „Digitale Hysterie“ außerdem den netten Beisatz: „Was heute noch wie ein Störungsbild wirkt, kann morgen eine Kernkompetenz sein“. Der Zugang zu den digitalen Medien sollte daher nicht verwehrt werden, die Kinder in der heutigen Welt einen, zwei, ja sogar zahlreiche Schritte voranbringen, um in der freien Arbeitswelt nicht nur zu bestehen, sondern auch Perspektiven ausleben zu können, die zu früheren Zeiten nicht einmal denkbar waren.

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